Die Wüstung Straßheim

Etwa 2 km südwestlich von Friedberg befand sich vor rund 500 Jahren in einer flachen Mulde am Straßbach der Ort Straßheim oder Straszheim. In den Friedberger Geschichtsblättern (Bd. 26) fand ich eine Abhandlung über diese Wüstung, die sich auf die alten Straßheimer Akten im Friedberger Stadtarchiv stützt.

Nach der Ortsnamenforschung wird die Ortsgründung dort aufgrund der Endsilbe -heim im 6./7. Jahrhundert angesetzt. Das Bestimmungswort Stras- bzw. Straz- vermittle weitere Erkenntnisse über diesen frühen Ort: Er lag an einer Straße, vermutlich an der alten römischen Straße, die von Nida (heute: Frankfurt-Heddernheim) aus dem Untermaingebiet über Niederrosbach nach Friedberg zog. Straßheim war auch Straßenstation auf dem Weg von Mainz nach Norden. Die Siedlung wurde am Übergang über einen Bach gegründet, der von dem Ort später den Namen Straßbach erhielt. Urkundlich wird Nieder-Straßheim erstmals 903 als Strazheim genannt (Mainz. Urk. Nr. 177).

Anscheinend lag die Ortschaft dort, wo der von Ockstadt nach Ober-Wöllstadt führende Weg den Straßbach quert, und zwar auf der linken Seite des Wegs. Weiter abwärts, gegen Osten, befand sich die Kirche, welche Stelle "noch jetzo 'un der Straßheimer Kirche' genannt wird" (Wagner). Aufgrund der Größe des Kirchsprengels ist zu vermuten, dass die Straßheimer Kirche zu den ältesten Kirchen in der Wetterau gehörte. Zu diesem umfangreichen Kirchsprengel gehörten Ober- und Niederrosbach, Ockstadt mit Hollar, Friedberg Stadt und Burg, Fauerbach, Görbelheim sowie Ober- und Nieder-Wöllstadt. Er muss schon sehr früh von der Urpfarrei der Wetterau, der Kirche auf dem Johannisberg bei Bad Nauheim, abgetrennt worden sein. Der Ort verfügte auch über ein Gericht und eine Richtstätte. Zudem befand sich in Straßheim das reich begüterte Mainzer Kloster St. Alban.

Zur Wüstwerdung des Ortes, die sich über Jahrhunderte hingezogen haben mag, trugen vermutlich verschiedene Faktoren bei: Die wohl in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gegründete Burg und Stadt Friedberg übte einen Sog auf die umliegenden Dörfer aus. Auch Friedberg ist wie alle hoch- und spätmittelalterlichen Stadtgründungen von einem Kranz von Wüstungen umgeben. Da die Stadtgründer und -herren zur Besiedelung und Verteidigung ihrer Stadtanlagen die Bevölkerung aus dem Umland benötigten, lockten sie mit Privilegien, wie z.B. Leibeigenschaftsfreiheit. Zudem boten Stadtbefestigungen der Bevölkerung in Zeiten wachsenden Fehdewesens besseren Schutz gegen Übergriffe. Bei Straßheim mag auch der Reichskrieg 1364-66 gegen Philipp VI. von Falkenstein Grund zur wachsenden Übersiedelung der Dorfbewohner nach Friedberg gewesen sein. Im Laufe der Kriegshandlungen wurde Straßheim 1365 gebrandschatzt. Die Brandschatzung allein hat nicht zum Untergang des Dorfes geführt, da Dorf und Gericht Straßheim noch 1373 in einer Urkunde ausdrücklich erwähnt wurden. Doch der Entvölkerungsprozeß Straßheims verlief schleichend. Über die Dorfgröße nach den erfolgten Abwanderungen nach Friedberg ist leider nichts bekannt.

1430 sind noch Belehnungen mehrerer Personen mit Haus und Garten zu Straßheim beurkundet.

Letzte urkundliche Zeugnisse Straßheims

Die Kirchenruine von Straßheim
Die Kirchenruine von Straßheim
(nach Johannes Preußer u. Heinrich Hoffmann)

Der Beschluß des Friedberger Stadtrates 1491, dass "dem Schweinehirten das Eintreiben seiner Herde in den Straßheimer Kirchhof mit Ausnahme in Fehdezeiten untersagt ist", wirft ein "charakteristisches Licht auf die zunehmende Vereinsamung Straßheims".

Zum letzten Mal 1506 wird in Unterlagen ein bewohntes Haus in Straßheim erwähnt.

1514 wird in Ratsprotokollen Friedbergs von verlassenen Gütern zu Straßheim gesprochen.

1611 ist in alten (Belehnungs-)Urkunden vermerkt, dass der Ort Straßheim gänzlich abgegangen bzw. "vor unvordenklicher Zeit abgegangen" sei.

Allein die Kirchenruine stand noch, sie war aber dem Verfall preisgegeben. In einer Beschreibung der Straßheimer Kirche 1780 heißt es, "obgleich das Dorf Nieder-Straßheim allschon lange vor der ersten Belehnung (1611) nicht mehr existiert hat, so ist dennoch die Kirche, von welcher das Domstift zu Mainz Patronus gewesen ist, noch alleine übrig geblieben, wovon aber das Schiff allschon sehr lange zusammengefallen, das annoch stehende Chor auch so schadhaft ist, dass es nicht mehr lange stehen kann".

Der römische Votivstein

Der Chausséebau Anfang des 19. Jahrhunderts besiegelte den endgültigen Abbruch der in unmittelbarer Nähe stehenden Kirchenruine Straßheims als willkommener Materiallieferant. 1804 wurde beim Abbruch der Ruine ein Votivstein (Gelübdestein) aus dem Fundament gebrochen und in der Kirche von Friedberg aufbewahrt; "im rechten Ende des Querschiffs in den Fussboden eingemauert vor dem Eingang in das südöstliche Thürmchen". Er trug folgende lateinische Inschrift:

MARTI ET VICToRIAE SOEMVS SEVERVS
CoRNICVL. CoH. I. FL. DAMAS ∞ EQ. SAG.
V. S. L. L. M.

Auf Deutsch: "Dem Mars und der Viktoria hat Soemus Severus, der Cornicularius der berittenen Bogenschützen von der ersten flavischen Damaszenerkohorte, die 1000 Mann stark ist, sein Gelübde eingelöst, froh und gern nach Verdienst".

Ein römischer Offizier der Bogenschützen von der Damaszenerkohorte aus dem Castell "in monte Tauno" in Friedberg hatte diesen Stein errichten lassen. Vor einem Kampf mit einem germanischen Heerhaufen hatte der Cornicularius gelobt, im Falle eines Sieges einen Tempel errichten zu lassen. Nach dem Sieg wurde der Tempel auf dem Kampfplatz erbaut und der Votivstein nach römischer Sitte als Türsturz eingemauert.

Auf dem Platz des damals vermutlich noch in seinen Resten bestehenden Tempels bauten die Franken nach der fränkischen Landnahme später eine Kirche, in die sie den römischen Votivstein einmauerten. Er soll sich in Friedberg im Heimatmuseum befinden.

Die Ortswüstung heute

Noch heute heißt einer der Feldwege am Straßbach zwischen Ockstadt und Rosbach "an der Straßheimer Kirche". Leider ist von der Wüstung heute nichts mehr zu erkennen, nur der Straßenname "Straßheimer Straße" im Industriegebiet Grüner Weg erinnert noch an sie. Die Trasse der neuen Friedberger Umgehungsstraße B3 wird mitten durch die Straßheimer Gemarkung geführt.

Letzter Überrest von Ober-Straßheim ist heute noch der sogenannte Löwenhof.

Lageplan Straßheims
Rekonstruierter Lageplan von Straßheim

 

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Quellen:

Braun, Wilhelm: Ausgegangene Orte und Höfe im Kreis Friedberg, in: Wetterauer Geschichtsblätter (1952)
Küther, Waldemar: Die Wüstung Straßheim bei Friedberg, Wetterauer Geschichtsblätter 1977
Henzen, Hallof, Battista de Rossi, Jory, Bormann, Lehmann, Moore: Inscriptiones urbis Romae Latinae, 2000
Wagner,Georg Wilhelm Justin: Die Wüstungen im Großherzogthum Hessen, Oberhessen, 1854