Das gab es nur einmal

von Josef Enzmann (1906-1998)

Sammlung von Anekdoten und Erlebniserzählungen eines Erzgebirglers aus dem Sudetenland

Inhaltsverzeichnis:

Portrait von Josef Enzmann

Weitere Erzählungen folgen bei Gelegenheit ...

Vorwort

Der Verfasser dieser Erzählungen wurde am 27.11.1906 in Dörnsdorf, Bez. Preßnitz, im oberen Erzgebirge geboren. In diesem Bauerndorf - ca. 1.000 Einwohner - wuchs er auf, wurde geprägt und geformt. Er gehört zur Sudetendeutschen Volksgruppe und zu jener Generation, die in der Zeit des ersten und zweiten Weltkrieges lebten und die weltgeschichtlichen Veränderungen ab 1914 und die Vertreibung aus der Heimat ertragen mußten.

Hier werden einige nicht alltägliche Erlebnisse, die sich in seiner Jugendzeit ereignet haben, erzählt, in der Erwartung, dass die Leser gut unterhalten werden.

Bad Homburg v.d.H., Mai 1994
Josef Enzmann

Einleitung

Mein Heimatdorf hatte ca. 1.000 Einwohner. Die meisten waren Kleinbauern. 2 Schuhmacher, 2 Tischler, 2 Schmiede und 1 Wagner betrieben da ihr Handwerk. Sechs Lebensmittelläden - einer gehörte meinem Vater - versorgten die Dorfbewohner mit Lebensmitteln. Die Kaufkraft der Bauern war gering, oft ließen sie ihre Einkäufe einfach anschreiben.
Die Vorfahren meines Vaters waren Fuhrleute. Es war vielfach üblich, die Kinder als Musiker ausbilden zu lassen, damit diese nach ihrer Ausbildung als Musiker ein Zubrot für die Eltern heranschaffen konnten. Meine Mutter und auch mein Vater hatten ebenfalls eine Ausbildung als Musiker absolvieren müssen. Sie gründeten eine kleine Musikkapelle und fingen ganz unten an Musik zu machen. Sie gingen anfangs zu Fuß von Ort zu Ort, spielten in Gasthäusern, kassierten ab und zogen weiter. Sie durchwanderten ganz Österreich, blieben einige Tage in Kärnten-Villach, Klagenfurt, zogen weiter bis Udine und Triest und Fiume. Dort hielten sie sich meist längere Zeit auf und zogen dann wieder heimwärts. Diese Wanderzeit dauerte nicht lange, denn die kleine Kapelle wurde ein Konzertorchester, das nun feste Engagements vereinbarte. Sie spielten dann in den Großstädten Deutschlands und wurden im Café Bauer in Berlin gefeiert. Das war dann der Höhepunkt ihrer musikalischen Laufbahn. Als genug Geld verdient war, kaufte mein Vater in Dörnsdorf ein kleines Grundstück und baute sich ein Zweifamilienhaus mit einem Kaufladen. Er wurde Lebensmittelhändler.

Ich war das 5. Kind. Drei Schwestern und ein Bruder, der Franz, waren vor mir. Meine nicht alltäglichen Erlebnisse habe ich zunächst mit ihm erlebt. Er war 2 Jahre älter, gab den Ton an, und ich lief immer hinterher.
Das erste Erlebnis mit ihm hatte ich, als er mit mir das Kunststück machen wollte, das unser Onkel Franz mit uns Buben öfters durchführte. Einer von uns mußte sich hinter den Onkel stellen, vorbeugen und die Arme durch die gespreizten Beine des Onkels strecken. Der Onkel erfaßte die Hände, dann ein kräftiger Ruck, wir flogen durch die Beine in die Höhe, machten einen Überschlag und landeten auf den Schultern des Onkels. Dann trabte er mit uns durch die Stube. Das machte uns Riesenspaß.
Eines Tages sagte der Franz, was der Onkel kann, kann ich auch, komm, stell dich hinter meine Beine, ich werde dich dann mit Schwung hochziehen. Ich beugte mich vor, streckte meine Arme durch die gespreizten Beine, Franz faßte zu, dann ein Ruck und ein dumpfer Schlag, und ich landete mit der Stirn hart auf dem Fußboden. Ich holte mir eine Platzwunde, und das Blut lief mir über das Gesicht. Ich fing natürlich an zu brüllen vor Schmerz, mein Vater kam aus dem Laden gerannt, Franz suchte das Weite, die Mutter kam sofort mit einem nassen Tuch, wischte das Blut ab und legte mir einen Verband an. Dann mußte ich mich hinlegen, und mein Vater brachte mir zur Beruhigung Schokoladenherzchen aus dem Laden, die ihre Wirkung nicht verfehlten.

Das nächste Erlebnis spielte sich zur Weihnachtszeit ab. Diese Zeit hatte bei uns einen rituellen Velauf. Zunächst wurde 2 Wochen vor dem heiligen Abend die Krippe aufgebaut. Ein leiterartiges Gestell wurde in einer bestimmten Ecke der Wohnstube aufgehängt. Dann wurde rotes Seidenpapier gespannt und auf die Querlatten selbstgebastelte Häuschen mit Fenstern gestellt. Kirche und Stall wurden fertig gekauft. Um den Stall herum etwas Moos, einige Schäfchen und Hirten. Hinter dem Gestell war da noch ein kleines Brett. Darauf wurde eine Kerze gestellt, damit es so aussah, als ob in den Häuschen Licht brennen würde. An jenem Abend, als der Aufbau fertig war, nahm der Franz die Kerze, zündete sie an, mit ausgestrecktem Arm hielt ere die Kerze hinter den Krippenaufbau und sagte zu mir: "Du, schau mal wie schön das leuchtet in den Fensterchen und Häuschen." Ich sah hin und bemerkte, dass es immer heller wurde, das Leuchten, und auf einmal fing das Seidenpapier Feuer, und die Flammen schlugen bis zur Decke der Stube. Ich schrie: "Feuer", die Mutter kam mit einem Wassereimer, der Vater aus dem Laden, nahm seinen Hut vom Kopf und schlug den ganzen Krippenaufbau herunter. Da lagen dann noch qualmende Häuschen, und Mutter goß Wasser darüber. Die Decke war rauchgeschwärzt, das Gestell angebrannt, die Häuschen lagen zertrümmert am Boden. Das waren Weihnachten ohne Krippenaufbau. Erst 2 Jahre später konnten wir wieder eine Weihnachtskrippe aufbauen.

Das Turn-Pferd in unserem Hausflur

Während des ersten Weltkrieges stellte der örtliche Turnverein die Übungsabende ein und verteilte die Turngeräte an die Mitglieder. Mein Vater war Sprechwart, deshalb wurde das Turnpferd bei uns untergestellt. Mein Bruder war damals 10 und ich 8 Jahre alt. Als das Pferd in unserem Hausflur stand, reizte es uns, daran herumzuturnen. Der Franz kletterte hinauf, hielt sich mit den Händen an den Handgriffen fest und versuchte einen Kopfstand. Als er die Beine nach oben streckte, stieß er mit den Füßen an das in dieser Höhe hängende Wandbrett, auf dem eine Petroleumlampe abgestellt war. Diese Lampe fiel herunter, krachte unten auf, so dass die Scherben herumflogen und das Petroleum auslief. Voller Schrecken liefen wir zwei sofort die Bodentreppe hoch, da der Vater, der den Krach gehört hatte, bereits aus dem Laden kam. Er rannte hinter uns her, um uns wohl verhauen zu können. Wir waren aber schneller, erreichten den Heuboden, krochen in eine Höhle, die wir immer angelegt haben, wenn der Heuboden voll war, stopften Heu vor den Eingang der Höhle und weg waren wir. Der Vater mußte schimpfend wieder in den Laden zurück. Nach zwei Stunden wagten wir uns wieder in die Wohnstube. Da war der Zorn des Vaters bereits verraucht und es blieb bei einer Warnung.

Die Schneeballschlacht

Es war Mitte Februar und bereits leichtes Tauwetter. Gegenüber von unserem Haus war der Singerwenzbauer. Neben dem Bauernhaus war ein größerer Platz, auf dem einige Jungs und auch ich sich gegenseitig mit Schneebällen oder auch Eisklumpen bewarfen. Ich hatte gerade einen solchen Klumpen in der Hand, der mit etwas Dreck durchzogen war. Da kam aus dem Bauernhaus die Magd vom Malzkaufmann mit einem Eimer voller Milch heraus und wollte weggehen. Als sie mir den Rücken zukehrte, warf ich mit dem Eisbrocken nach ihr. Dieser fiel direkt in den Milcheimer, Milch spritzte nach allen Seiten heraus und der Dreck verfärbte die restliche Milch. Sie drehte sich sofort um, sah mich noch in Wurfstellung, schimpfte, lief hinüber in unser Haus und beschwerte sich. Mein Vater mußte die Milch nun bezahlen. Er kam heraus und drohte mir: "Na warte, du Bürschchen, bis du heimkommst." Ich bekam es mit der Angst zu tun, ging nicht heim und wartete, bis es dunkel wurde. Dann schlich ich mich ins Haus, ging sofort in meine Schlafstube und legte mich verkehrt herum ins Bett, also die Füße oben, wo sonst der Kopf liegt. Es dauerte auch nicht lange, da kam Vater voller Zorn, ging zum Bett, holte aus und schlug zu. Natürlich hatte ich die Decke über meine Füße gezogen. Als der Vater merkte, dass es meine Füße waren, die den Schlag abgekriegt hatten, fing er an zu lachen, ließ mich in Ruhe und ging weg.

Wie es daheim war Dörnsdorf zur Zeit des 1. Weltkriegs

Die beiden letzten Kriegsjahre 1916-1918 waren für mich, für die Schwester Anna und für den Bruder Franz (10, 11 und 12 Jahre alt) eine große Herausforderung. Der Vater war zum Militärdienst eingezogen, die Mutter und wir drei versorgten unseren Lebensmittelladen, betreuten die 3 Ziegen und kümmerten uns besonders um Brennholz. Kohlen gab es damals keine mehr, alles Heizmaterial mußte aus dem Wald geholt werden. Die Louise war über 14 Jahre alt und hatte bereits eine Aushilfsbeschäftigung bei der Hauptmannschaft in Preßnitz als Schreibkraft. Die Maritsch war mit dem Kapellmeister Siegel als Pianistin auf Reisen und die Martl war erst 4 Jahre alt. Die Hungersnot war bereits stark fühlbar. Es gab nur täglich ein warmes Essen aus der Volksküche. Selten ein Stück Fleisch, sehr oft Dürrgemüseeintopf, ab und zu auch eine Maus darin.

Einmal erhielten wir Brot vom Bäcker. Wir bekamen einen ganzen Laib, weil wir acht Personen im Haushalt waren. Der Laib Brot wurde auf 8 Teile aufgeteilt, und jeder bekam ein solches Achtel Brot. Jeder verschwand mit seinem Stück und versteckte es irgendwo, damit kein anderer Zugriff dazu hatte. Im Spätsommer halfen Pilze, die wir mühsam sammelten, den Tisch zu decken. Ansonsten wurden Kräuter und Brennessel gesammelt. Selbst der Kaffeesatz wurde nicht wie üblich weggeworfen, daraus wurde ein Kuchen gebacken.

Die Brennholzversorgung war eine besondere Aufgabe, die von mir, von Franz und auch von Anna gelöst wurde. Wie das vor sich ging, ist wohl erwähnenswert. Im Sommer rodeten wir Baumstümpfe. Einmal hatten wir uns einen dicken Baumstumpf ausgesucht. Stundenlang schufteten wir, bis wir den Stumpf aus der Erde hatten. Dann lag das Monstrum vor uns, viel zu groß, um es auf unseren Handwagen zu laden. Da ging der Franz zurück ins Dorf zum Onkel Gammisch, der eine Kuh hatte und eine kleine Bauernwirtschaft betrieb. Der spannte seine Kuh ein, fuhr mit in den Wald und lud den Stumpf auf, um ihn mit uns nach Hause zu fahren.

Einmal passierte es, dass wir keine dürren Äste fanden. Da sägten wir einfach grüne ab, beluden unseren Handwagen und fuhren Richtung Dorf durch den Hammerlewald. Da kam uns doch der Dorfpolizist entgegen. Es war der Messner aus unserem Dorf, der ersatzweise den eingerückten Dorfpolizisten Kunz vertrat. Wir ließen den Handwagen stehen, flüchteten in den Wald und versteckten uns. Als der Ersatzpolizist unseren stehenden Handwagen erreicht hatte, rief er in den Wald: "Kommt nur raus ihr Enzmannbossen, ich habe euch bereits erkannt." Wir schlichen dann zu unserem Handwagen, zogen die Köpfe ein in der Erwartung, was nun kommen würde. Er sagte: "Ihr wißt ja, dass nur dürre Äste geholt werden dürfen. Grüne Äste zu holen ist strafbar." Der Franz sagte dann mit weinerlicher Stimme: "Wir haben halt keine dürren Äste gefunden, und zum Essenkochen brauchen wir halt Holz." "Macht, dass ihr weiterkommt und laßt euch nicht mehr erwischen", sagte er und ging weiter. Der Mann hatte Einsehen, denn es gab keine Strafanzeige.

Die Schlittenfahrt, die am Küchentisch endete

Unsere Familie zählte 9 Personen. Großmutter, Vater und Mutter, sechs Kinder. Wenn wir beisammen saßen, gab es immer etwas zu erzählen. Meistens war da noch Vetter Franz dabei, der an jedem Sonntagnachmittag zu Besuch kam. Nach seiner Begrüßung pflegte er immer zu sagen:"Do hot doch der Ochs den Ochsen gefrassen, guck, dort keit ar nach am Schwonz". Wir Kinder lachten da immer lauthals, und das gefiel dem Vetter "Fronz".

Es war an einem Sonntagabend in der Weihnachtszeit, da fing meine Mutter an von ihrer Schlittenfahrt zu erzählen, die sie als 12jähriges Mädchen in ihrem Elternhaus erlebt hatte.

Die Kinder hatten Schlittenfahren-Verbot, wegen der Heiligkeit des Weihnachtsgeschehens. Zur damaligen Zeit war es selbstverständlich, dass der erste Weihnachtsfeiertag mit Kirchgang, Besinnung, Andacht und Gebeten gehalten wurde. Dennoch konnte sie nicht widerstehen, am Nachmittag eine Schlittenpartie zu organisieren, denn es war ausgesprochen schönes Winterwetter, hinter dem Bauernhaus eine ansteigende Höhe mit festem Schneebelag.

Die Eltern hatten sich zum Mittagsschlaf hingelegt, da fiel es nicht weiter auf, dass sie sich wegschlich, einige Nachbarskinder mobilisierte, die dann gemeinsam den Kuhschlitten, der hinter dem Haus stand, holten und mit diesem Gefährt die Anhöhe erklommen. Bis zu dem Bahndamm der Eisenbahn, die von Reischdorf nach Kupferberg verlief, wurde gegangen. Dann wurde kehrt gemacht. Meine Mutter als Anstifter dieser Schlittenfahrt setzte sich vorne hin neben die Deichsel, um die Führung des Schlittens zu übernehmen. Die anderen acht verteilten sich rechts und links. Jedenfalls war das Gefährt vollgepackt. Zum Anfang wurde ein wenig mit den Füßen geholfen, damit der Schlitten in Fahrt kam. Und der Schlitten kam in Fahrt. Er lief talwärts und wurde immer schneller. Schließlich lief er so schnell, dass meine Mutter die Gewalt über das Gefährt verloren hatte. Es blieb nichts anderes übrig, als den Schlitten laufen zu lassen.

Als dann die Häuser am Rande des Hanges in Sicht kamen, gab sie das Kommando "bremsen", aber der Schwung war einfach zu groß. Der Schlitten steuerte auf das nächste Haus zu, und zwar direkt auf ein großes Fenster. Mit ziemlicher Wucht prallte zunächst die Deichsel an der Hauswand an, brach ab und wirbelte nach hinten durch die Luft. Das Ende der Deichsel streifte dabei sehr unsanft den Kopf meiner Mutter und hinterließ eine klaffende Platzwunde. Aber der Deichselanprall war letzten Endes die Rettung aller Mädchen. Durch diesen Anprall war zunächst die schnelle Fahrt des Schlittens hart gebremst. Der restliche Schwung reichte aber noch, das Fenster zu durchschlagen. Da hinter dem Fenster ein großer Tisch stand, landete der Schlitten eben auf diesem Tisch und stand still.

Es war natürlich für alle Beteiligten ein großer Schock, aber Gott sei Dank war kein Mädchen verletzt. Nur die Platzwunde am Kopfe meiner Mutter ließ blutige Spuren von der weihnachtlichen Schlittenfahrt zurück, die aber in einigen Tagen wieder zugeheilt war.

Als der Nikolaus unfreiwillig baden ging

Neben unserem Kaufladen im unteren Dorf wohnte der Dorfschmied Wohlrab. Er hatte neben seinem Haus auch die Werkstatt, die ich sehr oft als Schulbub besuchte. Ich beobachtete alles und sah oft zu, wie der Schmiedemeister Hufeisen anfertigte oder Eisenreifen auf die Wagenräder aufzog oder den Pferden neue Hufeisen an die Hufe nagelte. Ich kannte eigentlich alle Vorgänge, die sich in der Schmiedewerkstatt abspielten. Der damalige Lehrling stammte aus Wenkau, er wurde von uns als Schmiedhans gerufen und bezeichnet. Zum Nikolaustag hatte er die Aufgabe, den Nikolaus zu spielen. Er besuchte jeweils auch die Nachbarschaft und kam auch zu uns, teilte einige Geschenke aus, die er vorher von unseren Eltern erhalten hatte. Als er unser Haus verließ, lief ich hinterher und beobachtete, wie er in das Haus des Schmiedemeisters ging. Ich blieb bei der geöffneten Haustür stehen und bemerkte, wie der Nikolaus sich in Richtung Wohnstubentür bewegte. Neben dieser tür hatte die Schmiedfrau den Waschtrog abgestellt. Sie hatte gerade 4 Kinder gebadet und den noch mit Wasser gefüllten Trog aus der Stube in den Hausflur geschoben und neben der Zimmertür stehen gelassen. Da es im Hausflur dunkel war, konnte der Nikolaus den Trog nicht sehen, stieß mit den Beinen dagegen, stolperte und stürzte längelang in den Wassertrog. Mit einem Fluch auf den Lippen krabbelte der Hans wieder heraus, das Wasser lief von allen Seiten seines Körpers herunter, die Wohnstubentür wurde von innen aufgerissen und die 4 Kinder sowie die Schmiedfrau schauten verdutzt zu, wie der Nikolaus triefend aus dem Trog stieg, dann in die Stube ging und eine breite Wasserspur hinter sich ließ. Das war natürlich ein völlig verpatzter Nikolausabend.

Ostern bei uns daheim

Während meiner Schulzeit (1912-1920) war die Osterzeit voller Erlebnisse für uns Buben. Am Mittwoch vor dem Gründonnerstag ging es bereits los. Wir hatten damals Religion im normalen Schulunterricht und der Religionslehrer, ein Kaplan oder Katechet, sorgten dafür, dass wir mit aufgeschriebenem Sündenregister zur Beichte gingen. Das war jeweils der Mittwoch in der Karwoche. Am Gründonnerstag ging es zum Festgottesdienst und zur Generalkommunion, um 12 Uhr mittags sammelten sich dann die Buben am Bitterlichberg. Jeder hatte eine Schnarre oder einen Hammer oder eine kleine Schubkarre mit einem Schnarrenrad. Punkt 12 Uhr setzte sich dann der Zug in Bewegung. An der Spitze jeweils die Schnarrenkarren, dann die anderen. Wir machten ganz schön Lärm, es kamen immerhin ca. 50-60 Buben zusammen. Wo ein Wegkreuz am Straßenrand war, wurde Halt gemacht und das Gebet "Der Engel des Herrn" gebetet. Es ging dann durchs ganze Dorf bis zur "Hufbrück", da stand auch ein Wegkreuz. Dieser Schnarrenzug war als Ersatz für das Ausfallen des Glockengeläutes. Am Karfreitag sind wir früh um 6 Uhr, um 12.15 und um 18 Uhr schnarren gegangen. Am Samstag nochmal um 6 Uhr früh, um 9 Uhr wurde dann die Fastenzeit ausgeläutet. Da standen wir am Dorfbach mit Kannen und Eimern, schleppten Bachwasser heim, und alle Familienangehörigen wuschen sich das Gesicht mit Bachwasser. Um 17 Uhr fand jeweils der feierliche Auferstehungsgottesdienst statt. Da war was los in der Preßnitzer Pfarrkirche und in der ganzen Stadt. Der Kirchenchor war verstärkt mit Pauken und Trompeten, und wenn der damalige Pfarrer Pist verkündete "Christus ist erstanden" da donnerten die Pauken los, die Trompeten und Waldhörner dröhnten durch den Kirchenraum, dass einem der kalte Schauer über die Haut lief. Am Schluß des Gottesdienstes ging es zur Prozession mit dem Allerheiligsten. Die Vereine hatten bereits vor der Kirche Stellung bezogen und nun setzten sie sich in Bewegung, Richtung Rathaus und Marktplatz. An der Spitze marschierten die Schützen mit der Peter-Kapelle. Vor dem Abmarsch hatten sie aber einige Salven davon abgeschossen und auch einige Böller losgejagt. Das Böllern und das Knallen war bei uns zu Ostern immer dabei. Die Prozession bewegte sich durch das Zentrum von Preßnitz. Alle Häuser hatten in den Fenstern Lichter aufgestellt und alle Preßnitzer und auch wir Dörnsdorfer - wir gehörten ja zur Preßnitzer Pfarrei - waren dabei. Auch die Dörnsdorfer stellten am Samstagabend Lichter in die Fenster ihrer Häuser. Das war schon sehr feierlich.
Bei uns im Dorf ging es dann am ersten Feiertag weiter mit besonderen Feierlichkeiten. Da zog die Dorfmusik um 5 Uhr durchs Dorf samt den Osterreitern. Von allen Seiten wurde geballert und Krach gemacht, wir Buben mischten eifrig mit. Jeder hatte da eine Schlüsselbuchse, mit der man knallen konnte. Es genügte ein größerer Hohlschlüssel und ein stärkerer Nagel, der mit einer Schnur von ca. 30 cm verbunden war. Der Hohlschlüssel wurde jeweils mit mehreren Zündholzköpfen gefüllt, dann wurde der Nagel noch hineingedrückt und die Schnur hing dann in Form einer Halteschleife herab. Diese Schleifen wurden dann in die rechte Hand gelegt und nun baumelte der kleine Böller an der Hand. Dann wurde ein größerer Stein gesucht oder auch eine kleine Mauer, mit etwas Schwung wurde der Nagelkopf gegen den Stein geschlagen, worauf sich das Pulver der Zündholzköpfe entzündete. Es gab eine kleine Explosion mit einem Knaller. Es kam natürlich oft vor, dass der Hohlschlüssel zerriß. Wir wußten uns aber zu helfen. Wir gingen zum Schmiedhans, so nannten wir den Lehrling beim Dorfschmied, gaben ihm einige Pfennige, worauf er uns kleine Metallböller mit einem passenden Metallstift anfertigte. Diese knallten lauter als Holzschlüssel und zerrissen nicht.
Der zweite Ostertag gehörte uns Schulbuben voll und ganz. Gleich nach dem Frühstück zog jeder einzelne für sich los, bewaffnet mit einer langen Weidenrute mit einer kleinen roten Schleife an der Spitze. Von Haus zu Haus ging es mit dem Ruf: "Rote Eier raus". Die Mädchen ergriffen immer die Flucht. Es war üblich, die Mädchen mit der Rute ein wenig zu traktieren, wenn sich die Gelegenheit dazu bot. Die Mädchen zogen es aber vor, lieber das Weite zu suchen. Es gab da nicht nur Eier, sonder auch einige Heller und Süßigkeiten. Bis zu Mittag dauerte es jeweils, bevor das ganze Dorf abkassiert war. Eine Menge Eier, etwas Geld und Süßigkeiten waren die Ausbeute. Dann ging es ans Eieressen, 7-8 habe ich da geschafft, dann reichte es ein halbes Jahr lang, bevor ich wieder ein Ei essen konnte.

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