Familie Enzmann aus Dörnsdorf im Erzgebirge

Die Herkunft des Namens Enzmann

Eigentlich ist meine Schwiegermutter Gerlinde ja Alt-Österreicherin. Denn der Familienname Enzmann ist ein aus einer Erweiterung von „Enz“ mit dem Suffix -mann gebildeter Familienname und deutet auf die „Herkunft von jemandem aus der Stadt Enns bzw. dem Lande ob der Enns in Oberösterreich“ hin. Dort ist ein Hannus von Enz a. 1381 in Liegnitz bezeugt. (© 2006 Brockhaus Duden Neue Medien GmbH, Mannheim).

Irgendwann im 16. oder 17. Jahrhundert zog ein Mann oder eine Familie von Enns vermutlich über die alte Handelsstraße ins Erzgebirge an den Eger und ließ sich in Dörnsdorf nieder. Dort wurde er nach seiner Herkunft „Ennsmann bzw. Enzmann“ genannt.

Wir können nur mutmaßen, welche Motive den Mann aus Enns nach Dörnsdorf führten, aber die damaligen Silberfunde im Erzgebirge legen wirtschaftliche Gründe nahe.

Die ersten Enzmanns im Erzgebirge

Nachgewiesen sind die ersten Enzmanns in Dörnsdorf im Urbarium von 1619. Urbarien sind Steuerlisten, in denen die Einwohner eines Ortes oder einer Herrschaft mit ihren regelmässig wiederkehrenden Abgaben aufgeführt werden.

In diesem Urbar der Herrschaft Preßnitz sind unter den 24 ansässigen Untertanen erstmals drei Enzmann-Höfe in Dörnsdorf genannt (Quelle: Dörnsdorf-Orpus v. Albert Schmiedel und Siega Eberl-Steiner)

Die Familiennamen waren damals noch nicht so gefestigt und wurden nach Gehör geschrieben, daher sind unterschiedliche Schreibweisen möglich.

Vermerkt war auch der von jedem Hof jeweils zu Georgi (23. April) und Galli (16. Oktober) zu zahlende Zins, der bis auf wenige Abweichungen im ganzen 14 Groschen und 8 Pfennige betrug. Dazu kamen noch „Dienst und Roboten so die Dörnsdorfer jährlich zu verrichten schuldig“ Dies waren festgelegte Abgaben in Geld oder Naturalien als Jagd-, Acker- und Flachsroboten.

Anhand der Kirchenbücher und der alten Grundbücher von Dörnsdorf lassen sich unsere Vorfahren Enzmann lückenlos auf den im Urbar notierten Jakob Enzmann zurückführen, der in der Seelenlist von 1651 aber schon verstorben ist.

Mein herzlicher Dank gilt hier dem Mitforscher K. Mund, der mir die Daten zur Verfügung stellte.

Die Steuerrolle von 1654 (Berni rula)

Nach dem 30jährigen Krieg (1618-1648) war es notwendig, sich eine Übersicht über die Verwüstungen bzw. bewirtschaftete und nicht bewirtschaftete Güter zu verschaffen. In der Berni rula, der Steuerrolle von 1654, sind in Dörnsdorf immer noch drei Hofbesitzer mit Namen Enzmann genannt, wahrscheinlich schon die nächste Generation.

In den Archivalien ist ferner als zweiter Lehrer in Dörnsdorf ein Bernhartus Enzmann, Ludimagister Dürnsdorfensis, genannt, der am 04.01.1756 ein Kind taufen ließ. Er war Musiker und hat Lesen und Schreiben beim Militär gelernt. Er besaß das Haus Nr. 72, erteilte den Unterricht aber bereits in dem erbauten Schulhaus. Dann gab er den Lehrerberuf auf, denn im Jahre 1768 wird er als Spitzenhändler angeführt.

Franz Enzmann, ein Sohn des Bernhartus, war gleichzeitig Lehrer und Gerichtsschreiber und soll auch Musikunterricht erteilt haben. Seine Schwester Anna war eine gute Harfenspielerin und soll sogar vor Kaiser Josef II. ihre Kunst gezeigt haben.

Neue Erwerbszweige

Nach dem Niedergang des „Bergsegens“, sprich: des Bergbaus Ende des 18. Jahrhunderts und der Zunahme des Warenverkehrs - vorwiegend Getreide und Salz über die Grenzstraßen des Erzgebirges - entwickelte sich die Frächterei als neuer Erwerbszweig. Denn der Preßnitz-Paß verband die Handelswege zwischen Prag und Leipzig. Auf diesem Weg kam das Salz über das Erzgebirge nach Böhmen, daher wird dieser Paßweg stellenweise auch als „Salzweg“ oder „Säumerweg“ bezeichnet. Auch die Vorfahren seines Vaters waren nach der Aussage von Josef Enzmann Fuhrleute.

Mit dem Bau der Eisenbahn 1872 war das Fuhrgeschäft bald nicht mehr rentabel und die Mehrzahl der Bewohner des Preßnitztals mußten sich neue Erwerbszweige schaffen. Viele verdienten sich mit der Spitzenklöppelei und der in Heimarbeit betriebenen Posamentenherstellung (Posamente sind Kleiderbesätze aus Schnüren, Borten, Fransen und Litzen) den Lebensunterhalt.

Die Enzmanns und das Musikreisen im Raum Pressnitz

Mitte des 18. Jahrhunderts begann das Musikreisen im Kreis Preßnitz. Theresia Entzmann, eine Schullehrerstochter aus Dörnsdorf, reiste zuerst mit der Harfe. Als Folge von Notzeiten erhielten schon Kinder eine Musikerausbildung, um mit der Musik ein Zubrot für die Familie zu verdienen. So trieb es Preßnitzer Harfenmädchen oft schon im Alter von elf oder zwölf Jahren in kleinen Gruppen, begleitet von der Mutter oder einer älteren Verwandten, zu Fuß hinaus in die Welt, um Geld zu verdienen. Ihre Harfen, gefertigt von Preßnitzer Tischlern, trugen sie in einer Leinwandhülle am Lederriemen auf dem Rücken.

Es waren einfache Hakenharfen, bei denen durch blitzschnelles Drehen der Haken während des Spiels die Halbtöne erreicht wurden. Bis in die erste Zeit unseres Jh. spielte und sang man meist nach Gehör. Das Reisen organisierter Kapellen begann nach 1830. Preßnitzer Kapellen spielten in den Konzertsälen großer Hotels, so z.B. dem SHEPHEARD-HOTEL in Kairo; in Kaffeehäusern, Restaurants, auf den Decks der Ozeanschiffe und an Fürstenhöfen in Indien. Nach 1860 bereisten sie darüber hinaus China, Japan, Australien und Amerika.

Elisabeth Enzmann (1780-1851) aus Dörnsdorf gilt als eine Mitbegründerin des Musikreisens. Sie war mit dem Musiker Kilian Enzmann verheiratet.

Maria und Josef Enzmann
Maria (1873-1953) und Josef Enzmann (1870-1950)

Auch Gerlindes Großeltern Josef und Maria Enzmann hatten eine Musikerausbildung, wie sein Sohn Josef Enzmann in seiner Biographie berichtet. Sie gründeten eine kleine Musikkapelle und fingen an, Musik zu machen. Erst zu Fuß in den umliegenden Dörfern, später durchwanderten sie ganz Österreich bis nach Kärnten-Villach und Klagenfurt, weiter bis Udine, Triest und Fiume in Italien. Dort blieben sie meist längere Zeit und zogen dann wieder heimwärts. Aus der Kapelle wurde ein Konzertorchester, das feste Engagements vereinbarte und in deutschen Großstädten spielte. Auf dem Höhepunkt ihrer Musikerkarriere wurden sie in Berlin im Café Bauer gefeiert.

Nachdem sie genug Geld verdient hatten, kauften sie sich ein Grundstück in Dörnsdorf und bauten ein Zweifamilienhaus mit Kaufladen (Hausnummer 105). Josef Enzmann wurde Kolonialwarenhändler und gründete eine Familie.

Wie es daheim war – Dörnsdorf zur Zeit des ersten Weltkrieges

Dank der autobiographischen Anekdotensammlung von Josef Enzmann erhalten wir einen schönen Einblick in das Leben und den Alltag Anfang des letzten Jahrhunderts in der ländlichen Gegend des Erzgebirges. Exemplarisch habe ich eine Geschichte ausgewählt, in der Josef Enzmann das Leben in seiner Jugend beschreibt (aus: Das gab es nur einmal)

„Die beiden letzten Kriegsjahre 1916-1918 waren für mich, für die Schwester Anna und für den Bruder Franz (10, 11 und 12 Jahre alt) eine große Herausforderung. Der Vater war zum Militärdienst eingezogen, die Mutter und wir drei versorgten unseren Lebensmittelladen, betreuten die 3 Ziegen und kümmerten uns besonders um Brennholz. Kohlen gab es damals keine mehr, alles Heizmaterial mußte aus dem Wald geholt werden. Die Louise war über 14 Jahre alt und hatte bereits eine Aushilfsbeschäftigung bei der Hauptmannschaft in Preßnitz als Schreibkraft. Die Maritsch war mit dem Kapellmeister Siegel als Pianistin auf Reisen und die Martl war erst 4 Jahre alt. Die Hungersnot war bereits stark fühlbar. Es gab nur täglich ein warmes Essen aus der Volksküche. Selten ein Stück Fleisch, sehr oft Dürrgemüseeintopf, ab und zu auch eine Maus darin.

Einmal erhielten wir Brot vom Bäcker. Wir bekamen einen ganzen Laib, weil wir acht Personen im Haushalt waren. Der Laib Brot wurde auf 8 Teile aufgeteilt, und jeder bekam ein solches Achtel Brot. Jeder verschwand mit seinem Stück und versteckte es irgendwo, damit kein anderer Zugriff dazu hatte. Im Spätsommer halfen Pilze, die wir mühsam sammelten, den Tisch zu decken. Ansonsten wurden Kräuter und Brennessel gesammelt. Selbst der Kaffeesatz wurde nicht wie üblich weggeworfen, daraus wurde ein Kuchen gebacken.

Die Brennholzversorgung war eine besondere Aufgabe, die von mir, von Franz und auch von Anna gelöst wurde. Wie das vor sich ging, ist wohl erwähnenswert. Im Sommer rodeten wir Baumstümpfe. Einmal hatten wir uns einen dicken Baumstumpf ausgesucht. Stundenlang schufteten wir, bis wir den Stumpf aus der Erde hatten. Dann lag das Monstrum vor uns, viel zu groß, um es auf unseren Handwagen zu laden. Da ging der Franz zurück ins Dorf zum Onkel Gammisch, der eine Kuh hatte und eine kleine Bauernwirtschaft betrieb. Der spannte seine Kuh ein, fuhr mit in den Wald und lud den Stumpf auf, um ihn mit uns nach Hause zu fahren.

Einmal passierte es, dass wir keine dürren Äste fanden. Da sägten wir einfach grüne ab, beluden unseren Handwagen und fuhren Richtung Dorf durch den Hammerlewald. Da kam uns doch der Dorfpolizist entgegen. Es war der Messner aus unserem Dorf, der ersatzweise den eingerückten Dorfpolizisten Kunz vertrat. Wir ließen den Handwagen stehen, flüchteten in den Wald und versteckten uns. Als der Ersatzpolizist unseren stehenden Handwagen erreicht hatte, rief er in den Wald: “Kommt nur raus ihr Enzmannbossen, ich habe euch bereits erkannt.“ Wir schlichen dann zu unserem Handwagen, zogen die Köpfe ein in der Erwartung, was nun kommen würde. Er sagte: “Ihr wißt ja, dass nur dürre Äste geholt werden dürfen. Grüne Äste zu holen ist strafbar.“ Der Franz sagte dann mit weinerlicher Stimme: “Wir haben halt keine dürren Äste gefunden, und zum Essenkochen brauchen wir halt Holz.“ „Macht, dass ihr weiterkommt und laßt euch nicht mehr erwischen“, sagte er und ging weiter. Der Mann hatte Einsehen, denn es gab keine Strafanzeige. …“

Interessant sind auch Josef Enzmanns Beschreibungen der Feiertage, z.B. wie Fronleichnam oder am Ostersonntag gefeiert wurde:
„… Da zog die Dorfmusik um 5 Uhr durchs Dorf samt den Osterreitern. Von allen Seiten wurde geballert und Krach gemacht, wir Buben mischten eifrig mit. Jeder hatte da eine Schlüsselbuchse, mit der man knallen konnte. Es genügte ein größerer Hohlschlüssel und ein stärkerer Nagel, der mit einer Schnur von ca. 30 cm verbunden war. Der Hohlschlüssel wurde jeweils mit mehreren Zündholzköpfen gefüllt, dann wurde der Nagel noch hineingedrückt und die Schnur hing dann in Form einer Halteschleife herab. Diese Schleifen wurden dann in die rechte Hand gelegt und nun baumelte der kleine Böller an der Hand. Dann wurde ein größerer Stein gesucht oder auch eine kleine Mauer, mit etwas Schwung wurde der Nagelkopf gegen den Stein geschlagen, worauf sich das Pulver der Zündholzköpfe entzündete. Es gab eine kleine Explosion mit einem Knaller. …“

Der "Schatz" von Wenzel Siegert

Peter Pfeifer wußte noch folgende Geschichte beizutragen, die auf wahren Tatsachen beruht und ihm von Josef Enzmann anläßlich ihres gemeinsamen Besuches der erzgebirgischen Heimat Mitte der Neunziger Jahre zugetragen wurde:

Das Haus seiner Schwiegereltern Siegert lag in einem Außenbezirk des Bergstädtchens Preßnitz außerhalb der heute überfluteten Gebiete. Angeblich war Wenzel Siegert ein leidenschaftlicher Briefmarkensammler, der seltene, teure Briefmarken sammelte, auch als Altersversicherung. Er muß einen wahren Schatz an seltenen Briefmarken gehabt haben; angeblich auch eine "blaue Mauritius", die seltenste Briefmarke der Welt! Bei der Vertreibung 1945 durfte er diese nicht mitnehmen und versteckte sie vermeintlich sicher in einer Blechdose im Keller seines Hauses in einem Hohlraum hinter einem Mauerstein. Leider kam er nie dazu, sich seine wertvolle Sammlung wiederzuholen und der arme Mann wurde hier in Deutschland "schier verrückt",da er an seine Briefmarken nie mehr herankam.

Heute sind die Grundmauern des abgerissenen Hauses noch zu erkennen, aber der ganze Keller ist mit Erdreich zugeschüttet und überwuchert. Ob sich, tief im Erdreich verborgen, der Briefmarkenschatz heute wohl noch dort befinden mag?

Dörnsdorf heute

Der Ort ist heute, wie bereits erwähnt, dem Erdboden gleichgemacht. Links und rechts der Straße sieht man die einzigen Überreste der ehemals Jahrhunderte alten Ortschaft: Das Kriegerdenkmal und ein Gedenkstein der Wassergesellschaft.

Kriegerdenkmal Dörnsdorf
Dörnsdorf heute: Das Kriegerdenkmal
Kreuz bei Dörnsdorf
Dörnsdorf heute: Bei einem verlassenen Kreuz steht die Inschrift: Gelobt sei Jesus Christus in alle Ewigkeit. Errichtet von Brigitta Schmidt D.J. 1858 renov. 1908

 

Quellenverzeichnis

Schmiedl, Albert und Eberl-Steiner, Siega: Dörnsdorf-Orpus, Kronberg-Schönberg (Taunus) 1981
Pöschl, Alfred: Vergaß dei Hamit net – Preßnitz im Erzgebirge, Ober-Ramstadt/Rohrbach 1997
Enzmann, Josef: Das gab es nur einmal, Bad Homburg 1994

Internetquellen

Eine detaillierte Aufstellung der sich im Staatlichen Gebietsarchiv Leitmeritz befindlichen Matriken von Dörnsdorf finden Sie unter dem folgenden Link: http://www.genealogienetz.de/reg/SUD/kb/pressnitz.html

Bildnachweis: Einige der alten Ansichten von Dörnsdorf stammen von Pavel Beran, www.zanikleobce.cz

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