Die Enzmanns aus Böhmen

Die Vorfahren meines Mannes stammen mütterlicherseits aus dem Erzgebirge im Sudetenland (früher Böhmen oder Bohemia). Nicht nur, dass sie nach dem Ende des 2. WK aus den von ihnen seit 700 Jahren besiedelten Gebieten vertrieben wurden. Ihre Heimatorte Pressnitz, Dörnsdorf und Reischdorf wurden in den 70er Jahren gesprengt und sind im Pressnitz-Stausee untergegangen.

So konnte sein Großvater Josef Enzmann nach der Grenzöffnung Europas zwar seine alte Heimat bereisen, sein Heimatdorf und sein Elternhaus aber sind für immer verloren. Insbesondere aus diesem Grunde sind seine Erzählungen und Anekdoten aus der Jugendzeit ein wertvolles Zeitdokument. Seine erzgebirgische Heimat ist verloren, aber nicht vergessen!

Josef Enzmann: Das gab es nur einmal

Im Zentrum von Dörnsdorf wohnten Anfang des 20. Jh. folgende Familien (aus den Aufzeichnungen von Josef Enzmann 1994): Einwohner von Dörnsdorf

Inhaltsverzeichnis

Die Geschichte der Sudetendeutschen

Sudetenland ist eine vor 1918 nur sporadisch gebrauchte Bezeichnung für das deutsche Siedlungsgebiet in den böhmischen Ländern (Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien). Die ca. 3,5 Millionen deutschsprachigen Einwohner in den böhmischen Ländern (lateinisch: Bohemia) bezeichnete man erst seit ca. 1900 als Sudetendeutsche, vorher als Deutsch-Böhmer, Österreicher, Alt-Österreicher etc.

Bis 1918 waren die böhmischen Länder ein Teil der Österreichisch-ungarischen K.uK. Monarchie. Nach dem ersten Weltkrieg 1918-1938 war das Sudetenland ein Teil der Tschechoslowakei. 1938-1945 war Sudetenland nach dem Münchner Abkommen die offizielle Bezeichnung für den Reichsgau Sudetenland. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurde Sudetenland in die Tschechoslowakei wieder eingegliedert und die deutsche Volksgruppe vertrieben. (Quelle: Wikipedia)

Die geografische Lage von Dörnsdorf

Die kleine Ortschaft Dörnsdorf lag nur 1 km entfernt von Preßnitz, der ehemaligen Königlich-Freien Bergstadt im Erzgebirge, nicht weit entfernt von der deutschen Grenze. Überragende Bedeutung gewann Preßnitz um 1520 wegen des aufgrund reicher Silberfunde ausgebrochenen "Silberfiebers". In kurzer Zeit schossen im Erzgebirge neue Bergstädte buchstäblich aus dem Boden.

Die Stadt Preßnitz mit ihren Ortschaften lag hoch oben auf dem Kamm des zentralen Erzgebirges in einer Höhe von 720 Metern an der uralten Paßstraße von Prag nach Leipzig und Halle, eingebettet in einer Talmulde zwischen sanft ansteigenden Bergrücken des Spitzbergs und des Haßbergs, beide mit fast tausend Metern Höhe.

Jahrhundertelang gab dieser Gebirgsübergang der alten "Salzstraße" den hier lebenden Menschen Brot und Lebensunterhalt. Schmiede, Wagner, Pferdebauern, Säumer, Träger, Fuhrleute und nicht zuletzt Gastwirte fanden einen guten Verdienst durch den Warentransport.

Doch auch Not und Tod kamen über den alten Handelsweg. Immer wieder zogen Kriegsheere über den Preßnitzpaß, wobei es für die Bewohner keinen Unterschied machte, ob sie von fremden oder eigenen Soldaten ausgeplündert, gebrandschatzt oder erschlagen wurden.

Aus der Geschichte von Dörnsdorf

von Zdena Binterova
Dörnsdorf war ein 1,2 km langes, enges, am Erzgebirgskamm gelegenes Dorf, 1 km südlich von Preßnitz und 12,2 km WNW von Kaaden entfernt. Es lag etwa halbwegs zwischen Preßnitz und dem Bahnhof von Kupferberg. Die Häuschen Dörnsdorfs standen auf beiden Straßenseiten; zu ihnen gehörten auch 2 Bahnwärterhäuser auf der Strecke Komotau-Weipert, die schon eng beim nahen Köstelwald standen. Zu Dörnsdorf gehörte auch die nahe Ortschaft Orpus.

Die Seehöhe Dörnsdorfs schwankt von 740 bis 770 m. Die erste Erwähnung über seine Existenz befindet sich im Vertrag aus dem Jahre 1431, mit dem sich die Vettern Aleš und Wilhelm von Schönburg die Pürsteiner Herrschaft teilten. Die damalige Benennung lautete „Thierlsdorff“. Das Dorf erwarb Aleš und bereits im Jahre 1352 wird dort ein Hammer und eine Schmelzanlage auf der Stelle der späteren Hausnummer 1 angeführt. Als Aleš 1446 einen Teil des sog. Meierhofes Preßnitz den Lobkowitzern verkaufte, ist im Vertrag auch die Hälfte des Dorfes Thierlsdorff angegeben.

Das Untertanenverzeichnis auf der Herrschaft Preßnitz gibt im Jahre 1553 in Dörnsdorf 24 Ansässige, die ein Haus und Grundstück besaßen, an - d.h., dass hier rund fünfmal mehr Untertanen lebten. Unweit der späteren Hausnummer 36 stand damals eine Kupferhütte. In der Nähe des Dorfes, in Richtung nach Orpus, gab es eine Reihe von Zechen - besonders Silberzechen. Es wurde auch in Orpus und an der Grenze zu Reischdorf gefördert. Das ziemlich hohe Niveau des hiesigen Bergbaus hat der Dreißigjährige Krieg unterbrochen, als die Zechen geflutet wurden. Es dauerte lange, bis die Förderung wieder betrieben wurde.

Einige Jahre nach dem Krieg lebten in Dörnsdorf wieder 24 Häusler, einer davon war Schmied in den Hütten, ein zweiter war Schindelmacher und zwei waren Fuhrleute - einer davon war auch Schankwirt. Neben diesen lebten im Dorf 2 sog. Gärtner. Vieh gab es dort genug. Das bestätigte auch die Steuerrolle (Berni rula) von 1654, die auch aussagt, dass das Dorf hauptsächlich Viehzucht betrieb und die Leute Korn mit Fuhrwerken und Schubkarren umherfuhren und damit handelten.

Das Interesse für Silberzechen wurde erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts wieder belebt. Zu dieser Zeit ermöglichte die wirtschaftliche Lage schon kostspieligere Unternehmen und auch die Entwässerung der überschwemmten Gruben. Bei Dörnsdorf ging es z.B. um die Marie Kirchenbau-Zeche, die sehr ergiebig war, jedoch auch hier wurde der Betrieb zu Ende des 18. Jahrhunderts eingestellt.

Entwicklung der Bewohnerzahl und Häuser

Jahr 1869 1880 1890 1900 1910 1921 1930 1947 1950 1970
Einwohner 765 817 1005 1141 843 841 965 171 84 37
Häuser 106 128 131 144 149 146 154 160 9
Quelle: Z. Binterová: Historictí svedkové doby, 2000

Jahrhundertlang gehörte Dörnsdorf zum Gut Preßnitz und mit ihm wechselten auch seine Herren. Die Einwohner waren vom Anfang an überwiegend Bergleute. Die hiesige Gegend wurde wegen zu kurzer Vegetationszeit der Landwirtschaft als nicht besonders gut gewertet. Nach Beendigung der Förderung im Bergbau begannen sich die Einwohner mit Klöppelei, Hauserzeugung von Posamenten, Wirkwaren und Handschuhen, Hausierhandel und Fuhrwesen zu befassen. Einheimische Fuhrleute fuhren hauptsächlich zwischen den Städten Leipzig und Prag und führten Getreide, Salz, Holz usw. mit sich. Nachdem die Eisenbahn 1872 in Betrieb genommen wurde, war dann das Fuhrwesen nicht mehr rentabel. Nicht nur aus Preßnitz, sondern auch aus Dörnsdorf gingen viele Musiker in die Welt hinaus. Früher gingen sie zu Fuß in die Alpenländer, später fuhren größere Kapellen in die Ferne, manchmal sogar bis in den Orient. Hans Pöschl aus Dörnsdorf z.B. kam bis nach Buenos Aires.

Die Kriegsereignisse des 18. und 19. Jahrhunderts betrafen auch Dörnsdorf, am schlimmsten war es aber 1813 betroffen, als hier riesige Truppenteile gegen Napoleon durchzogen. Im Jahre 1850 wurde Dörnsdorf samt der Ansiedlung Orpus eine selbständige Gemeinde und die Verhältnisse begannen sich hier zu verbessern. Die Einwohner- und Häuserzahl wuchs, im Jahre 1876 wurde eine neue Schule errichtet, in den Jahren 1893-94 ein Armenhaus, 1895 wurde ein neuer Friedhof eingeweiht. Die Gemeinde beschaffte sich 1764 eine neue Orgel und später auch eine neue Uhr für die Barokkapelle des Hl. Franz Seraphischen, die neben der Schule stand. Seit dem Jahre 1899 gab es im Dorf schon ein eigenes Postamt. Die Wasserleitung wurde im Jahre 1906 erbaut und im Jahre 1908 wurde am Preßnitzbach eine kleine Talsperre errichtet. Ihr Damm wurde aus Schlacken der alten Schmelzhütte 1622 erbaut. Die Wassergenossenschaft in Dörnsdorf errichtete auf dieser Sperre auch ein kleines Kraftwerk, das aber nur zur Bewässerung ausgenutzt war. Im Herbst 1994 wurde mit dem Ablassen begonnen, weil das Wasser, das aus den ehemaligen Erzzechen in Kupferberg ins Becken zufloss, mit Sedimenten von Schwermetallen kontaminiert war.

Fotopostkarte von Dörnsdorf Foto des Krämerladens in Dörnsdorf

Im Februar 1907 wurde in Dörnsdorf eine Spitzenklöppelschule eröffnet. Im Schuljahr 1912-13 besuchten sie 96 Schülerinnen. In Dörnsdorf gab es auch eine landwirtschaftliche Fortbildungsschule, eine Zweigstelle des Landwirtschaftlich-forstlichen Vereins für die Gerichtsbezirke Preßnitz und Weipert, eine wechselseitige Pferdeversicherung, Handwerkergenossenschaft für die Gemeinden Dörnsdorf und Köstelwald, eine Bundessparkasse für dieselben Gemeinden und einen wechselseitigen Feuerversicherungsbund. 1914 gab es hier 5 Gasthäuser, 13 verschiedene Geschäfte, 2 Fleischer, eine Werkstätte für Wirkwaren, 1 Holzgeschäft, einen Baumeister, einen Tischler, 4 Schuhmacher, 1 Schneider, 1 Schmied, 1 Bäcker, Friseur, eine Hebamme, 3 Posamentenhändler, 11 Spitzenhändler und 1 Viehhändler.

Nach dem 1. Weltkrieg begann die Einwohnerzahl zu sinken, obwohl sich hier auch Tschechen ansiedelten - 1930 lebten hier 13 Tschechen. 1927 wurde in Dörnsdorf eine tschechische Schule errichtet. Die zwangsweise Aussiedlung der deutschen Bevölkerung nach dem 2. Weltkrieg hat das Dorf fast entvölkert. Nur wenige neue Bewohner kamen und ihr Leben hier war überhaupt nicht leicht. Anfang der 50er Jahre litt das Dorf an Trinkwassermangel und es vermehrten sich Beschwerden über die Qualität der Stromversorgung. Zu dieser Zeit wurden auch unbewohnte Häuser abgerissen.

Die Einwohnerzahl des gesamten Gebietes sank, darum wurden auch im Jahre 1950 Köstelwald und Wenkau an Dörnsdorf angegliedert und 1960 wurden alle diese Dörfer zu Preßnitz eingemeindet. In Folge des Wasserbeckenbaus kam ganz Preßnitz ins Talsperrengebiet und obwohl die Häuser der Dörfer Dörnsdorf und Köstelwald nicht in dem überfluteten Gebiet standen, sondern nur in der ersten Schutzzone des Trinkwasserbeckens, mussten sie weggerissen werden.

Aus Dörnsdorf (tschech. Dolina) blieb nur ein im Jahre 1995 renoviertes Denkmal der 65 Opfer des 1. Weltkrieges stehen; aus Köstelwald blieben nur wenige Häuser und die Kirche erhalten. Das Gelände Dörnsdorfs wurde der Gemarkung Christophhammer einverleibt, das Dorf Köstelwald und sein Kataster kamen zu Kupferberg. Amtlich wurde Dörnsdorf zum 01.01.1979 gelöscht.

 

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